 |
 |
 |
 |
 |
Was soll Dramatik |
 |
[04] |
Theaterwissenschaftlicher Kongress, Rouen, Feb 2008 |
 |
Ausschnitt
(...) Man hat den Eindruck, dass das Wissen über unsere Zeit – auch wenn sie noch so ungewiss ist, - sehr gewiss ist, man weiß, wie sie aussieht, wie man sie zu beurteilen und zu bewerten hat. Man weiß, wie die Menschen sich darin bewegen, wie sie sprechen, wie sie lieben und wie sie sterben. Man kennt ihre Ängste, ihre Neurosen, ihre Versäumnisse und ihre Sehnsüchte. Man weiß letzten Endes ziemlich genau, wie der Mensch unserer Zeit beschaffen ist.
Heutige Wirklichkeit, so ist man sich einig, ist beschleunigte, globalisierte, mannigfach zersplitterte Zeit. Der Mensch darin bewegt sich beschleunigt, zerrissen, globalisiert und er spricht schnell. Man weiß, wie die Geschichten dazu aussehen in so einer Zeit, man weiß, wie sie enden. Haufenweise hat man plötzlich Geschichten über Menschen, die sich verloren gehen, die ständig Schwierigkeiten haben zu wissen, wer sie sind, Menschen, die ansonsten aber in ihrem Menschenbild recht einfach gestrickt sind. Sie rennen verloren über die Bühne, Mann und Frau sind klar voneinander getrennt, mit klar eingeschriebenen Attributen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Auch Nationalitäten sind meist wieder klar definiert, ein Türke ist ein Türke, ein Deutscher ein Deutscher, ähnlich ist es mit den Berufen, ein Unternehmer ist das, was das Theater von Unternehmern immer gehalten hat, ein Abzocker, und ein Arbeitsloser spricht wie man denkt, dass ein Arbeitsloser zu sprechen hat. Es ist erstaunlich, wie unterkomplex die Menschen geworden sind in einer Zeit, die als überkomplex wahrgenommen wird. (...)
|
|
|
|
|
|
|
|
 |